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NEUE
MITTELLAND ZEITUNG
STADT OLTEN
MONTAG,
19. FEBRUAR
199
Seite10
Loslösung
von Solothurner Quälgeistern
An
der Banausiade wurde in der Schützi die Grafschaft Olten gegründet
Jetzt
wird das Oltner Kulturzentrum Schützi in die Geschichtsbücher
eingehen: Hier haben die Banause-Zunft, Obernaar Nöschi I. und zweimal
je gegen 200 Närrinnen und Narren am Freitag- und am Sams- tagabend anlässlich
der Banausiade mit erhobener Hand und einem vielstimmigen Ja die
Grafschaft Olten ausgerufen - wenigstens für die Dauer der
bevorstehenden Fasnacht!
HEINZ
LÄTT
Bei
der Banausiade handelte es sich um eine in allen Teilen gelungene
Premiere in Form eines vorfasnächtlichen Unterhaltungsabends, der zwar
vorbildmässig an die berühmten Drummeli- und Charivari-Veranstaltungen
von Basel gemahnte, indes von seinem Spiritus rector Sigi Meier mit viel
oltnerischer Eigenständigkeit gestaltet worden war. Die Banause-Zunft
durfte bei der originellen Bühnenschau auf die Mitwirkung von
Fasnachtskünstlerinnen und -künstlern aus weiteren Oltner Zünften zählen,
was die Hoffnung nährt, es könnte eine breit abgestützte Trägerschaft
entstehen und der Anlass nicht eine Einmaligkeit bleiben.
Medaille
und Kunstdruck
Das
Publikum kam ungeachtet der kargen Atmosphäre der alten Schützenmatt-Turnhalle,
aus dem herzlichen Lachen und dem begeisterten Applaudieren nicht
heraus. Durch das muntere Geschehen auf der Bühne, das Mimo Russo auf
seiner Orgel mit Rossini-Opernklang umrahmte, führten Robin Hood und
sein Närrchen, alias Massimo Hauswirth und Christian Geiger, genannt
Mulhouse-Lautrec. Von letzterem erhielt später übrigens jeder Gast,
dem schon eine Grafschaftsmedaille umgehängt worden war, den Kunstdruck
eines frei nach Pieter Bruegel d.Ä. gemalten banausisch-geigerischen
Bildes. Im Hintergrund der Bühne thronte Nöschi mit seinen gräflichen
Herrschaften, und dieser Hofrat verdankte in der Folge jeden Auftritt
mit einem Abgangsgesang und dem Banausenlied.
Als
schmucker Herold verkündete Sigi, zuerst auf Althochdeutsch, dann
zeitgemäss per Handy, den Haupt- zweck der Zusammenkunft: die
Errichtung der Grafschaft Olten, das heisst die längst ersehnte Loslösung
der darbenden Untertanen von ihren Solothurner Quälgeistern.
Hierauf
setzten sich die Säli-Zünfterinnen und -Zünfter trommelnd und
pfeifend, mundharmonikaspielend und singend mit einem herrlichen Medley
in Szene. Der Melodienstrauss reichte von Mozarts «Kleiner Nachtmusik»
bis zum «Solothurner Lied», und Musikdirektor Ueli Müller, inspiriert
von der Harmonic Brass Band, kam ins Schwitzen wie noch nie.
Büttenredner
in Hochform
Die
erste Büttenrede des Abends hielt ein weiser Mann namens Hilarius.
Verfasst hatte sie Alfred Wyser, verlesen wurde sie am Freitag
stellvertretend von Georg Niggli. Aus geschichtlicher Sicht, beginnend
in Steinzeit-Oltner-deutsch, wurden die seit den Höhlenbewohnern
unternommenen und leider immer missglückten Versuche zur Gründung der
Grafschaft Olten nachgezeichnet und das Vorhaben gewürdigt, bis
Aschermittwoch endlich ein hilarisch-banausisches Regiment gegen die
Solothurner Aristokraten aufzuziehen.
Ein
Intermezzo von Format gab der stelzenlaufende Fakir Salem zum besten,
der Niederämter Gaukler liess sich mit Glasscherben und Nagelbrett
traktieren und imponierte als Feuerschlucker und durch den Saal
wandelnder Feuerspeier. Auch Robin Hoods Einlage mit dem nicht zu
stoppenden Dudelsack sorgte für Abwechslung.
Dann
betrat wieder einmal Höckeler Altmeister Hugo Riggenbach die Bütt und
glänzte im Schottenrock mit seinen unverwechselbar-komischen
Geistesblitzen. In seinen Versen, die übrigens in der Fasnachtszeitung
«Biiszange)) nachzulesen sind; nahm er das heute so im Trend liegende
Pillen- und Medizinschlucken gegen alles und jedes aufs Korn. Ein
weiteres Glanzlicht setzte Thomy Droll mit seinem geradezu mailänderscalawürdig
erschallenden Opernduett zwischen einer Diva und einem hochgradig
grotesken Pavarotti. Die Papapalagi-Guggenmusik liess mit trefflichen
Arrangements auch die Freunde des schaurig-schönen Schränzens nicht zu
kurz kommen.
«Graf
von Zinggenstein»
Nach
der Pause hatte die Fröscheweid-Zunft ein ganzes Füllhorn von
Highlights abzuliefern. Einerseits waren es die Glögglifrösche, die «frankischen
Grenouillero), welche mit lokalbezogenen Pointen nur so um sich warfen,
anderseits trat unter dem Namen «Old Frogs Stompers Olten» eine
schmissige Big Band in Aktion und riss mit ihren parodistischen
Jazznummern die Zuhörerschaft fast von den Stühlen.
Dazwischen
klopfte ein weiterer edler Herr an die Türe: Oltens Stadtoberaupt Ernst
Zingg, auch den Fröschen zugehörig, hielt eine Büttenrede, die
ebenfalls in die Geschichte eingehen dürfte. Er gab dem dringenden
Wunsch ausdruck, sein «Fuulhorn» zu verlassen und unter Abschaffung
der aufreibenden Demokratie das Regierungszepter über Olten im
Alleingang zu übernehmen. Wörtlich erklärte er: «Drum möcht i mis
Volk, mi Grafschaft, regiere ganz elei -i, dr Ärnscht, Theophil-Alfred,
dr Frosch, dr Graf vo Dreitanne, vo Buckte und vö Zinggestei!»
Fasnächtliche
Herrschaft
Mittlerweile
war die Zeit für den eigentlichen Höhepunkt des Abends angerückt.
Begleitet von frohem Gesang der Banausen, zelebrierten Herold Sigi und
Obernaar Nöschi den Taufakt der Grafschaft Olten. Einstimmig und
freudig bewegt übernahm das Publikum die Patenschaft. Bestgelaunt
stellten die Grafschaften und Höflinge der Banausen ihren künftigen
Untertanen, die von Robin Hood und dem Närrchen würdig verabschiedet
wurden, eine fasnächtliche Herrschaft voller Überraschungen in
Aussicht.
Damit
war zwar das Programm zu Ende, nicht aber das gemütliche Beisammensein,
mit Tanzrhythmen des unermüdlich aufspielenden Mimmo Russo. Die vielen
Gags der Banausiade blieben haften, und der eine oder andere
Fasnachtshungrige dürfte sich noch auf dem Heimweg vor Lachen geschüttelt
haben...
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